Heraklit von Ephesos (ca. 540 – 480 v. u. Z.)

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Das bis heute sprichwörtlich gebliebene pánta rhei stammt zwar nicht vom griechischen Philosophen Heraklit von Ephesos (um 540 bis um 480 v. u. Z.), sondern wird ihm von Platon zugeschrieben; er trifft aber, wenn man es richtig versteht, den Kern der Philosophie des Heraklit.

Heraklit stammt aus einer alten Königsfamilie. In seine Lebenszeit fällt das Scheitern des Aufstandes der ionischen Städte gegen die persische Expansion.

Heraklits Kritik an den Zuständen in Ephesos zeugt keineswegs von politischer Abstinenz, sondern von tiefer politischer Unzufriedenheit: „Die Ephesier sollten sich samt und sonders, Mann für Mann, aufhängen und den Unmündigen ihre Stadt überlassen, sie, die den Hermodoros, ihren besten Mann, weggejagt haben, indem sie sagten: ‚Von uns soll keiner der Beste sein; wenn aber doch, dann anderswo und bei anderen!'“

Im Gegensatz zu dieser Haltung der Ephesier erklärt Heraklit: „Einer ist mir so viel wert wie Zehntausend, wenn er der Beste ist.“ Der Beste aber ist derjenige, der ewigen Ruhm den vergänglichen Dingen vorzieht. „Die Masse aber frißt sich voll wie das Vieh.“

In der Lehre des Heraklit tritt stärker als bei den älteren Ioniern in der unlöslich gedachten Verbindung von Stoff und Bewegungskraft die lebendige Kraft des Urwesens hervor, des All und Einen, aus dem durch Verwandlung das Viele und Einzelne entsteht [vgl. Rohde, E. 1921a, 145].

Heraklit meint der Urgrund sei Seele, nämlich die Aufdünstung, woraus das übrige entsteht; die Seele sei das Unkörperlichste und in dauernden Fluss [Aristoteles, De anima I 2. 405a 26ff.]. Wir können daraus schließen, dass Aristoteles meint, Heraklit setze Feuer und Seele gleich.

Heraklits Stoff ist Weltgrund, aber auch beweglich. „Das Bewegte aber werde durch das Bewegte erkannt.“ [Aristoteles, De anima I 2. 405a 27f.].

Bei Heraklit ist der Urgrund aller Mannigfaltigkeit der Bildungen die absolute Lebendigkeit, die Kraft des Werdens selbst, die zugleich als ein bestimmter Stoff, oder einem der bekannten Stoffe analog gedacht ist [vgl. Rohde, E. 1921a, 145].

Der Träger der nie ruhenden, anfangslosen und nie endenden Werdekraft ist das Heiße, Trockene, benannt mit dem Namen des Elementarzustandes, der ohne Bewegung nicht gedacht werden kann, des Feuers. Feuer ist ganz Bewegung und Lebendigkeit.

Die Elemente des Leibes, Wasser und Erde, sind entstanden und entstehen fortwährend aus dem Feuer, das sich gegen alles umtauscht und gegen alles eingetauscht wird. So ist es die Seele das bildende Feuer, wandelt sich unaufhörlich in die niederen Elemente; es findet nicht ein Gegensatz zwischen jener und diesen, sondern ein fließender Übergang statt [vgl. Rohde, E. 1921a, 147]. Es ist verbürgt: „Für Seelen bedeutet es Tod, dass Wasser entsteht; für Wasser Tod, dass Erde entsteht, aus Erde entsteht Wasser, aus Wasser Seele.“ [Clemens von Alexandria, Strom. VI 17, 2 = DK 22 B 36].

Die Seele ist zwar vom Körper unterschieden,, eine für sich bestehende Substanz, aber eine solche, die sich selbst niemals gleich bleibt [vgl. Rohde, E. 1921a, 147].

Einen Tod in absoluter Bedeutung, ein Ende, dem kein Anfang wieder folgte, einen unbedingten Abschluß des Werdens gibt es bei Heraklit nicht. Tod ist ihm nur der Punkt, an dem ein Zustand in einen anderen umschlägt, ein relatives Nichtsein. Der Tod ist für den Menschen da, wenn die Seele nicht mehr in ihm ist.

Die Seele muss zuletzt den Weg zum Wasser beschreiten und beschreitet ihn willig; der Wechsel ist ihr Lust und Erholung. Die Frage nach einer individuellen Unsterblichkeit oder auch nur Fortdauer der Einzelseele hat für Heraklit kaum einen Sinn. [Rohde, E. 1921a, 150].

Dem Heraklit sowenig wie den Platonikern und Pythagoreern entsteht bei der Geburt des Menschen die Seele ihrer Substanz nach aus dem Nichts, vielmehr war sie Teil des Allfeuers, der Allseele von Ewigkeit vorhanden [vgl. Rohde, E. 1921a, 151 Anm.]

Die späteren unterschieben ihre Meinung dem Heraklit. Deutliche Aussprüche des Heraklit, die von seinem Glauben an Unsterblichkeit der Einzelseelen Zeugnis geben, liegen nicht vor; solcher Aussprüche aber würde es bedürfen, ehe man dem Heraklit eine Vorstellung beimessen könnte, die mit seiner übrigen Lehre wie allgemein zugestanden wird, in unvereinbarem Gegensatz steht.

Heraklit schreibt:

„Diese Welt, dieselbge von allen Dingen, hat weder der Götter noch der Menschen einer gemacht, sondern sie war immer und ist und wird immer sein ein ewig lebendiges Feuer, nach Maßen sich entzündend und nach Maßen erlöschend.“ [58 fr. 30]

Nicht bei den Göttern und ihrem unerforschlichen Willen liegt unser Schicksal; wir sind Teil des Weltprozesses, der sich nach dem logos vollzieht, welches erkennbar ist.

Den logos, der „doch ewig ist, begriefen die Menschen nicht … Denn obgleich alles nach diesem Gesetz geschieht, machen sie den Eindruck, als ob sie nichts davon ahnten …“ [31 fr. 1].

Die Menschen vertrauen allerrdings ihren Augen unsd Ohren. Was den Sinnen zugänglich ist, ist subjektive Meinung, sind Spiele von Kindern.

Erkenntnis der Dinge wird erst möglich, wenn sie auf der Erkenntnis des logos beruht.

„Vernünftige Einsicht zu haben, ist die größte Tugend, und Weisheit ist es, Wahres zu reden und gemäß der Natur zu handeln, indem man auf sie hört.“ [108 fr. 112].

Der logos-Begriff bei Heraklit bezeichnet kein transzendentales Wesen, das äußere wirkende Ursache der Natur ist; vielmehr bezeichnet err das Gesetz allen Entstehens und Vergehens, allen Wirkens in der Natur selbst:

„Alles erfolge nach dem Verhängnis und eben dies sei ein und dasselbe wie die Notwendigkeit.“ [55 Aetius I 27, 1].

Heraklit hat seinen logos-Begriff weniger auf die Beobachtung der physischen Natur als vielmehr aus der denkenden Betrachtung des politischen Lebens seiner Gesellschaft gewonnen. Erst danach hat er ihn auf die Natur übertragen. Dafür spricht folgendes Fragment:

„Ernsthaft gesprochen: Man muss bauen auf das allem Gemeinsame, wie eine Stadt auf ihr Gesetz, und noch viel fester. Denn alle menschlichen Gesetze ziehen ihre Nahrung nur will; es genügt allem und ist stärker als alles.“ [33 fr. 114].

Heraklits Fließen, das Werden und Vergehen, sind Ausdruck des Wirkens des logos, des Gesetzes.

Für Heraklit ist das ewige und unendliche Sein selber Prozeß. Ist aber das Sein absoluter Prozeß des Werdens und Vergehens, dann muss es selber mit seinem Gegensatz, mit dem Nichtsein, schwanger gehen. Weder Werden noch Vergehen können ohne das Nicht gedacht werden. Sein und Nichtsein sind die Elemente des Werdens.

Der Urgrund aller Dinge ist für Heraklit das Feuer: „Alles ist Austausch des Feuers und das Feuer Austausch von allem, gerade wie für Gold Waren und für Waren Gold eingetauscht wird.“ [61 fr. 90].

„Auch Herakleitos behauptet, dass sich die Welt bald in Feuer auflöse, bald sich wieder aus dem Feuer (neu) bilde, in gewissen Perioden.“ [64 Simplicius zu Aristoteles, Vom Himmel 94, 4ff.].

Mit dem Feuer wird das beweglichste Element zu Grunde gelegt.

„Man muss wissen, dass der Kampf das Gemeinsame ist und das Recht der Streit, und dass alles Geschehen vermittels des Streites und der Notwendigkeit erfolgt.“ [30 fr. 80]

„Kampf ist der Vater von allem; die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Ssklaven, die andern zu Freien.“ [29 fr. 53]

Die Natur führt „das Männliche mit dem Weiblichen zusammen … und knüpft so den allerersten Bund durch die entgegengesetzen Naturen“ [26 fr. 10].

Die Gegensätze greifen ineinander:

  • „Das Kalte wird warm, Warmes kalt, Feuchtes trocken, Trocknes feucht.“ [20 fr. 10].
  • „Es lebt das Feuer der Erde Tod und die Luft lebt des Feuers Tod, das Wasser lebt der Luft Tod, die Erde den des Wassers.“ [22 fr. 76].

„Sie begreifen nicht, dass es (das All-Eine), auseinanderstrebend, mit sich selber übereinstimmt: widerstrebende Harmonie wie bei Bogen und Leier.“ [27 fr. 51]

Heraklit hat schöne Bilder für Gegensätze:

  • „Der Esel würden den Hächsel dem Golde vorziehen.“ [99 fr. 9]
  • „Meerwasser ist das Reinste und das Scheußlichste, für Fisch trinkbar und heilsam, für Menschen ungenießbar und verderblich.“ [101 fr. 61]

Das Erkennen des logos scheint für Heraklit das Wahrnehmen seiner Wirkungsweisen zur Voraussetzung zu haben: „Ich ziehe das vor, was man sehen, hören und untersuchen kann.“

„Alle Menschen haben die Fähigkeit, sich selbst zu erkennen und vernünftig zu denken.“ [89 fr. 116]